Ratzeburg

150 Jahre Herzogtum Lauenburg: Gedanken von Philip Graffam

Ratzeburg. Der Kreis Herzogtum Lauenburg feiert seinen 150. Geburtstag. Der Festakt vor geladenen Gästen (27. Juni 2026) startete mit einer Andacht in St. Petri Ratzeburg und einer Ansprache von Propst Philip Graffam. 

Der Gottesdienst stand im Zeichen der Dankbarkeit für das Gewachsene und der Frage, was Menschen auch in Zukunft verbindet, trägt und Orientierung gibt. „Als Kirche glauben wir: Wo Menschen Gott danken, auf sein Wort hören und um seinen Segen bitten, da gewinnt auch unser Miteinander Kraft und Hoffnung“, betonte Propst Graffam. Zugleich verband er den Dank für das Vergangene mit dem Vertrauen darauf, dass Gott auch die kommenden Wege begleiten wird. 

Die Ansprache des Propstes im Wortlaut

Liebe Festgemeinde,

es gibt Orte, die Geschichten erzählen - nicht mit Worten, sondern mit Stille. Stein für Stein. Gebet für Gebet. Generation für Generation. 

Unsere alten Kirchen im Kreis Herzogtum Lauenburg sind solche Orte. Und hier in Ratzeburg stehen die zwei ältesten: die Feldsteinkirche St. Georg auf dem Berge und der Dom. 

Wer in eine dieser alten Kirchen im Lauenburgischen eintritt, betritt einen Raum, in dem Menschen seit Jahrhunderten Gott ihre Freude, ihre Ängste und Nöte anvertraut haben. Hier wurde gedankt und geklagt, gehofft und getröstet. 

Menschen kamen mit ihren Fragen und gingen – nicht immer mit fertigen Antworten –, aber oft gestärkt, weil sie spürten: Ich bin nicht allein.

Enge Verbindung zwischen Kirche und Region

Unsere Kirchen im Kreis Herzogtum Lauenburg sind eng mit der Geschichte des Herzogtums verwoben. Sie spiegeln die wechselvolle Geschichte dieser Region zwischen Schaalsee und Elbe wider: Geschichten von Hoffnungen und Entscheidungen, von Irrtümern und Verzagtheit – und von Mut, Geduld und Zutrauen.    

Dies gilt auch für die St. Petri-Kirche Kirche, in der wir heute zusammengekommen sind.  Sie ist nur 85 Jahre älter als der Kreis Herzogtum Lauenburg und ein, wie ich finde, ausgesprochen passender Ort, um das 150 -jähriges Bestehen des Kreises Herzogtum Lauenburg dankbar zu würdigen. 

150 Jahre.

Das sind unzählige Lebensgeschichten:

Menschen, die dieses Land bestellten, Häuser bauten, Unternehmen gründeten, Kinder großzogen, Verantwortung übernahmen.

Menschen, die schwere Zeiten durchstanden und glückliche erlebten. Die Abschied nahmen und neu begannen. 

Sie alle haben – bewusst oder unbewusst – an dem mitgebaut, was wir heute Heimat nennen.

Doch jedes Jubiläum stellt eine Frage. Nicht nur: Woher kommen wir?

Sondern vor allem: Was trägt uns?

Was hält eine Gemeinschaft zusammen – über Generationen hinweg? Was gibt ihr Orientierung, wenn sich Zeiten ändern? 

Der Prophet Jeremia spricht genau in eine solche Zeit des Umbruchs hinein. 

Jerusalem liegt in Trümmern. Viele Menschen leben fern ihrer Heimat. Die Versuchung ist groß, sich zurückzuziehen, nur noch von der Vergangenheit zu leben oder auf bessere Zeiten zu warten. Doch Gott sagt etwas Überraschendes:

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“ (Jeremia 29,7)

Was für ein bemerkenswerter Satz. Kein Rückzug. Keine Resignation. Keine Sehnsucht nach einer vermeintlich heilen Vergangenheit. Sondern: Gestaltet das Leben dort, wo ihr seid. Übernehmt Verantwortung. Sucht den Frieden. Tragt zum Wohl aller bei.

Suchet der Stadt Bestes.

Vielleicht ist genau das der biblische Leitgedanke, der auch über diesem Jubiläum stehen könnte.

Hier in Ratzeburg gewinnt dieser Satz eine besondere Tiefe. Jahrzehntelang verlief nur wenige Kilometer von hier die innerdeutsche Grenze – eine Wunde mitten durch unser Land. Sie trennte Familien, Landschaften, Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, dieselben Lieder kannten, dieselben Erinnerungen teilten. 

Und doch war die Grenze nie das letzte Wort.

Kirche hält Hoffnung lebendig

Gerade die Kirchen waren damals Orte, an denen die Hoffnung lebendig blieb. Sie konnten keine Mauern einreißen. Aber sie hielten die Sehnsucht nach Freiheit wach. Sie erinnerten daran: Kein Mensch darf auf eine Grenze reduziert werden.

Dass Gottes Blick weiter reicht als politische Systeme. Dass Versöhnung möglich bleibt – selbst wenn sie unmöglich erscheint. 

Als die Mauer fiel, war das mehr als ein politisches Ereignis. Es war ein Moment tiefer Dankbarkeit. Viele empfanden ihn als Geschenk. Als Zeichen dafür, dass Geschichte offen bleibt – und Zukunft nicht festgeschrieben ist.

Auch heute erleben wir Verunsicherung. 

Der Ton wird rauer. Gesellschaften geraten unter Druck. Menschen ziehen sich zurück in das, was ihnen vertraut erscheint. Und es drängt die Frage: Was suchen wir? Unseren Vorteil? Oder das Beste für die Gemeinschaft?

Jeremia antwortet ist klar: Suchet der Stadt Bestes.

Unser Herzogtum lebt nicht von seiner Geschichte allein. 

Es lebt von Menschen, die Verantwortung übernehmen. Zum Beispiel den Ehrenamtlichen in den Feuerwehren, den Engagierten in Vereinen und Verbänden, den Lehrkräften und Pflegekräften, den Unternehmerinnen und Unternehmern, den Landwirtinnen und Landwirten, den Handwerkerinnen und Handwerkern, den Kommunalpolitiker:innen, Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern, Kindern und Jugendlichen, Eltern, Groß- und Urgroßeltern. Allen, die oft unspektakulär dazu beitragen, dass Menschen hier gut miteinander leben können. 

So entsteht Heimat. Nicht durch Besitz. Sondern durch Verbundenheit.

Auch unser Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg möchte dazu beitragen.

Unsere Kirche lebt mittendrin

Kirche versteht sich nicht als Gegenüber der Gesellschaft - sie lebt mittendrin. Sie begleitet Menschen an den Wendepunkten ihres Lebens. Sie hält Räume offen, in denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Über das, was sie trägt. Über das, was sie sorgt. Über das, was Hoffnung gibt. 

Vielleicht ist das die Aufgabe einer Kirche unserer Zeit: Nicht jede Antwort schon zu kennen - aber die Fragen wachzuhalten, ohne die eine Gesellschaft ihre Seele verliert.

Was macht ein gutes Leben aus? 

Wie wollen wir miteinander umgehen?

Wie begegnen wir Menschen, die aus anderen Ländern und Kulteren zu uns kommen?

Was gibt unserem Zusammenleben Richtung und Maß?

Unsere Kirchen im Lauenburgischen sind seit Jahrhunderten Orte für solche Fragen. Auch diese St. Petri-Kirche, von der ich mir wünsche, dass sie es auch in Zukunft bleibt:

Ein Ort des Gebets. 

Ein Ort des Zuhörens. 

Ein Orte der Begegnung. 

Ein Ort, an dem Menschen erfahren: Verschiedenheit muss nicht trennen – und: Hoffnung kann wachsen.

Heute würden wir sagen: ein Dritter Ort – weder Zuhause noch Arbeitsplatz, sondern ein Raum für das Gemeinsame. Ein Ort, an dem Menschen miteinander ins Gespräch kommen, einander begegnen und entdecken, was sie verbindet. Solche Orte braucht unsere Gesellschaft heute mehr denn je.

Wir wissen: Die Aufgaben werden größer, unsere Kräfte kleiner. 

Auch Kirche steht vor Veränderung

Auch als Kirche der Propstei Herzogtum Lauenburg stehen wir vor Veränderungen und müssen sorgsam mit dem umgehen, was uns anvertraut ist.

Doch ich hoffe, dass wir unsere Kirchen, unsere „Räume für das Gemeinsame“, nicht als Aufgabe der Kirche allein verstehen, sondern als einen Schatz für die ganze Region. Den wir gemeinsam tragen, mit Ideen, mit Verantwortung und mit der Überzeugung, dass Räume der Begegnung unverzichtbar sind für eine lebendige Gesellschaft.

Denn was Menschen verbindet, entsteht nicht von selbst. Es braucht Orte, an denen Vertrauen wachsen kann. Orte, an denen man einander zuhört. Orte, an denen auch Unterschiedlichkeit ihren Platz hat. 

Wenn wir heute 150 Jahre Kreis Herzogtum Lauenburg feiern, dann danken wir für das, was uns anvertraut wurde.

Wir feiern eine lebendige Heimat

Aber wir feiern kein Museum. Wir feiern eine lebendige Heimat. Eine Heimat, deren nächste Kapitel wir selbst schreiben - mit unserem Handeln, mit unserem Miteinander, mit unserem Mut, mit unserem Vertrauen.

Darum möchte ich uns allen diesen alten biblischen Satz mit auf den Weg geben - als Motto für diesen Festtag und als Haltung für den Alltag:

„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.“

Vielleicht ist das das schönste Jubiläumsgeschenk, das wir unserem Herzogtum machen können: Menschen zu sein, die Brücken bauen. Die zuhören. Die Verantwortung übernehmen. Die Frieden suchen. Und die darauf vertrauen, dass Gott diese Generation wie auch die kommenden Generationen begleitet.

So segne Gott dieses Land zwischen Elbe und Seen. Er bewahre die Erinnerung an das Gute. Er heile, was verletzt ist. Er stärke, was verbindet. Und er schenke uns die Kraft, immer wieder das Beste für unsere Heimat zu suchen.